Was ist das geplante EU-ETS 2 eigentlich?
Mit dem sogenannten EU-ETS 2 führt die EU ein System ein, das eine entscheidende Lücke schließt: Es regelt erstmals auch den CO2-Ausstoß von Gebäuden (Heizung) und dem Straßenverkehr auf europäischer Ebene. Das Ziel: Klimafreundliche Technologien sollen sich endlich mehr lohnen als fossile Brennstoffe. Hier erfährst du, wie das System funktioniert, warum es ein wichtiger Hebel ist und wie eine gerechte Umsetzung aussieht.
Das European Union Emissions Trading System 2 (EU-ETS 2)
Das EU-ETS 2 ist ein eigenständiger Handel mit Emissionsrechten für Brennstoffe, die in Gebäuden, im Verkehr und in kleineren Industrieanlagen genutzt werden.

Die Pflicht zum Kauf liegt bei den Energieunternehmen (z. B. Gasversorger oder Mineralölkonzerne). Diese Unternehmen müssen Emissionsrechte für jede Tonne CO2 erwerben, die durch die Verbrennung ihrer verkauften Brennstoffe entsteht. Die Kosten dafür werden sie über die Preise für Heizöl, Gas oder Benzin weitergeben. So entsteht ein Preissignal, das uns allen helfen soll, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen.
Das EU-ETS 2 ist kein Ersatz sondern eine Ergänzung
Wichtig zu verstehen: Das neue System löst den bestehenden Emissionshandel (EU-ETS 1) nicht ab. Es ist kein „Update“, sondern eine Erweiterung. Beide Systeme laufen parallel – und das aus gutem Grund.
Der ETS 1 ist nämlich eine echte Erfolgsgeschichte: In der Stromerzeugung und der Industrie, die bereits abgedeckt sind, sinken die Emissionen rasant. Die Zahlen der Europäischen Kommission sprechen für sich:
- In den ETS-1-Sektoren (Strom/Industrie) sank die CO2-Intensität seit 2005 um beeindruckende 62 %.
- In den Sektoren des künftigen ETS 2 (Gebäude/Verkehr) gab es im gleichen Zeitraum nur einen Rückgang von 36 %.
- Wir sehen also: Gebäude und Verkehr hinken beim Klimaschutz hinterher, obwohl sie einen riesigen Teil des europäischen CO2-Ausstoßes verursachen.
Genau hier greift das neue EU-ETS 2. Es bringt den erfolgreichen Mechanismus des Emissionshandels endlich auch in diese Bereiche. Das ist ein gewaltiger Hebel: Laut einer Analyse des Science Media Center deckt das neue System rund 37 % der gesamten Emissionen der EU ab.

Wann geht es los und was kostet es?
Ursprünglich sollte der Startschuss 2027 fallen. Zum einen auf Druck der fossilen Lobby, aber zu einem Teil auch, weil die Debatte über Energiepreise und soziale Balance so wichtig ist, wurde der Start der Bepreisung voraussichtlich auf 2028 verschoben.
Einen staatlich festgesetzten Preis gibt es dabei nicht. Das System basiert – wie der „große Bruder“ ETS 1 – auf dem Prinzip Cap-and-Trade (Deckeln und Handeln):
- Die EU legt eine Obergrenze („Cap“) für die Gesamtemissionen fest.
- Die Rechte werden versteigert.
- Je knapper das Angebot, desto höher der Preis.
Die Europäische Kommission ging in ihren ursprünglichen Planungen (Basisjahr 2020) von einem Startpreis um die 45 € aus. Da bis 2028 die Inflation jedoch weiter voranschreitet, dürfte der tatsächliche Startpreis deutlich höher liegen (schätzungsweise über 60 €).
Um Preisschocks zu vermeiden, gibt es einen Stabilisierungsmechanismus: Steigt der Preis zu schnell über diese inflationsbereinigte Schwelle (ursprünglich als 45 € in Werten von 2020 definiert), werden zusätzliche Emissionsrechte aus einer Reserve auf den Markt gebracht, um den Anstieg zu dämpfen.
Was das für uns in Deutschland bedeutet
Wir kennen das Prinzip schon: Durch das nationale System (BEHG) steigt der CO2-Preis in Deutschland bereits stufenweise an (2025: 55 €, Umweltbundesamt). Mit dem EU-ETS 2 wird dieser nationale Festpreis perspektivisch durch den europäischen Marktpreis ersetzt.
Das heißt für uns: Wir wechseln von einem politisch festgelegten Preis zu einem flexiblen Marktpreis. Das macht den Klimaschutz effizienter, bedeutet aber auch, dass Schwankungen an der Börse an der Zapfsäule oder im Heizungskeller ankommen können.
Doch wie teuer wird es wirklich? Hier lohnt sich ein Blick auf die Zahlen – und auf unsere Nachbarn. Um den neuen Preis ranken sich viele Mythen, doch eine aktuelle Analyse der Bertelsmann Stiftung (Januar 2026) gibt Entwarnung: Bei einem angenommenen Preis von 60 Euro pro Tonne CO2 würden die Kosten in Deutschland im Schnitt nur um etwa 17 Euro pro Haushalt und Jahr steigen. Der Grund: Wir zahlen durch das nationale System bereits heute für CO2.
Die Bertelsmann-Studie wirft auch einen Blick über den Tellerrand: In anderen EU-Ländern, wie Portugal, Irland oder Schweden, könnten Haushalte durch das neue System sogar entlastet werden. Warum? Weil dort teils heute schon deutlich höhere nationale CO2-Preise gelten (Schweden besteuert CO2 z.B. schon seit 1991) und dadurch viel früher und massiver in klimafreundliche Wärme investiert wurde.
Hier zeigt sich der „Elefant im Raum“ bzw. das Versäumnis der deutschen Politik: Wir haben diese frühen Investitionen lange verschlafen. Der Wechsel ist ökonomisch sinnvoll, tut aber dort weh, wo Alternativen noch fehlen.
Warum ist die soziale Frage hier besonders entscheidend?
Ein CO2-Preis trifft nicht jeden gleich. Wer wenig verdient, wird durch steigende Energiekosten im Verhältnis zum Einkommen deutlich stärker belastet. Dazu kommt ein strukturelles Problem: Als Mieter:in kannst du oft gar nicht ausweichen, da du die alte Gasheizung im Keller nicht einfach gegen eine Wärmepumpe tauschen darfst. Diese fehlenden Ausweichmöglichkeiten machen die soziale Flankierung so wichtig. Um diese Schieflage abzufedern, führt die EU den Klimasozialfonds mit bis zu 65 Milliarden Euro ein. Das Geld soll gezielt unterstützen, etwa bei Dämmung oder im Nahverkehr. Ein wichtiges Signal, doch Expert:innen meinen: Der Fonds allein wird nicht reichen, um alle Härten auszugleichen – hier bleibt auch die nationale Politik in der Pflicht.

Wir sagen: Klimaschutz ist eine Frage der Gerechtigkeit
Der EU-ETS 2 ist aus unserer Sicht das richtige Instrument, um Emissionen wirksam zu senken. Doch damit er gesellschaftlich trägt, muss es gerecht zugehen. Das Prinzip muss sein: Starke Schultern tragen mehr. Wer über Vermögen verfügt und vom bisherigen Wirtschaftswachstum profitiert hat, besitzt heute die Mittel, die Transformation zu finanzieren.
Im Gegenzug darf niemand zurückgelassen werden, dem diese Mittel fehlen. Die Einnahmen aus dem CO2-Preis müssen deshalb konsequent genutzt werden: für einen sozialen Ausgleich und für massive Investitionen in Alternativen wie Wärmenetze und den öffentlichen Verkehr. Nur so wird Klimaschutz für alle machbar.